Immer noch Fußball. Die FIFA-Weltmeisterschaft ist ja noch nicht vorbei. Hier im Städtchen und auch sonst in Brasilien wünschen sich zwar viele, dass dem so wäre. Aber zwei Spiele sind noch zu ertragen. Dabei gibt es auch schon ein Horror-Szenario für meine brasilianischen Freunde, Bekannten und Kollegen: Argentinien gewinnt gegen Deutschland im "heiligen" Maracanã-Stadion und die Niederlande gewinnen gegen Brasilien beim Spiel um den dritten Platz. Jetzt spielt die Politik schon gar nicht mehr eine so große Rolle. Die Wut gegen die "hermanos" ist größer. Die Rivalität zwischen dem gottgleichen Pelé und dem kleinen dicken Maradonna ist stärker.
In der Presse sieht es ein bisschen anders aus. Da wird schon noch über (Sport-)Politik geschrieben. Einer, der sich dabei hervor tut - aber nicht erst seit Beginn der WM - ist der ehemalige Fußballweltmeister Romário, heute Abgeordneter im Bundesparlament. Er schimpft besonders gegen die nach seiner Meinung korrupte Verbandsführung der Confederação Brasileira de Futebol (CBF). Leider ist die Korruption, sei es mit Geld, sei es durch Gewährung von bestimmten Vorteilen, hier in Brasilien ja an der Tagesordnung und nur spärlich verdeckt. Da machen die Aussagen Romários durchaus Sinn. Und entsprechen der Meinung vieler Brasilianer. Auch wer ein wenig Einblick in die Basis hat, stimmt dem Abgeordneten zu. Ein Kollege interessiert sich für die Arbeit in den kleinen regionalen Vereinen und bemängelt, dass die Jugend keine Chance (mehr) hat. Sponsoren sind nicht aufzutreiben, weil deren Geld eher in die Taschen der Funktionäre als in die Förderung der Kinder und Jugendlichen fließt. Freiwillige Helfer gibt es kaum, weil niemand einsieht, umsonst zu arbeiten, während die "Großen" Millionen einstecken. Hier im Städtchen gab es in der Sechziger- und Siebziger-Jahren gute Fußballmannschaften, die sogar in höheren Divisionen spielten. Heute wird der gemeindeeigene Platz - mitten im Zentrum gelegen - nur noch gelegentlich für Schulturniere genutzt. Oder für die ersten Gehversuche eine American-Football-Mannschaft.
Außer Fußball gibt es kaum ein Thema. Gestern war Feiertag im Staat São Paulo. Der Beginn der "Revolution von 1932" wurde gefeiert. Am 9. Juli 1932 erhoben sich bewaffnete Truppen des Bundesstaates gegen das diktatorische Regime des Präsidenten Getúlio Vargas, der 1930 durch einen Staatsstreich die Macht in Brasilien übernommen hatte. Der Aufstand richtete sich gegen die Bundes-Verfassung von 1930, die die weitgehende Autonomie der Bundesstaaten beseitigte. Die Revolution würde am 4. Oktober 1932 endgültig niedergeschlagen und endete mit offiziell verzeichneten 934 Toten (Quelle: http://pt.wikipedia.org/wiki/Revolu%C3%A7%C3%A3o_Constitucionalista_de_1932). Getúlio Vargas blieb bis 1945 als Diktator an der Macht und wurde 1950 noch einmal demokratisch zum brasilianischen Präsidenten gewählt. Er beging 1953 Selbstmord. Aber das ist eine andere Geschichte.
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