Dienstag, 22. Juli 2014

Das Chaos überwiegt - oder?

Brasilien und die kleine Stadt sind zum Normalbetrieb zurück gekehrt. Jetzt ist alles auf die Wahlen im Oktober ausgerichtet. Gewählt werden der Präsident und die Abgeordneten. Auch einige Senatoren stehen zur Wahl. Wie bei jeder Wahl - ich habe jetzt schon einige hier verfolgt - wird viel polemisiert, Sachthemen kommen oft nicht oder nicht im gebührenden Umfang zur Sprache. Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Die Struktur der Wähler lässt eine anspruchsvolle Diskussion über Sachthemen gar nicht zu, die Mehrzahl der Wähler ist gar nicht in der Lage, eine solche Kontroverse zu begleiten. Also wird auf die altbekannten Mittel zurück gegriffen: Es treten auf der Böse, der Gute, der Kaspar und das Krokodil. Dabei können die Figuren auch weiblich besetzt sein. Und die Rollenverteilung zischen Gut und Böse ist Ansichtssache. Der Durchblick für den interessierten Wähler wird dabei noch durch die Tatsache erschwert, dass sich schon vor den Wahlen Koalitionen bilden. Momentan sind etwa 24 Parteien an die drei Präsidentschaftskandidaten mit den besten Aussichten gebunden. Auf Bundesebene. Auf Länderebene (Estados, Wahl der Senatoren und Abgeordneten) sind es aber nicht die gleichen Parteien, die zusammenarbeiten. Auf http://g1.globo.com/politica/eleicoes/2014/coligacoes-partidarias/infografico/index.html ist eine schöne, bunte Aufgliederung zu sehen. Wer da durchblickt, gewinnt einen Bonuspunkt.

Ich darf hier ja nicht wählen. Ausländer, auch wenn sie bereits lange hier wohnen und eine Daueraufenthaltsberechtigung haben, sind nicht zugelassen. Trotzdem bekomme ich natürlich ab und zu Wahlpropaganda. Die ist mal dröge, mal lustig und bunt. Und immer nichtssagend, siehe oben. Viel interessanter sind die Diskussionen mit meinen Freunden. Die meisten sind gegen die aktuelle Präsidentin Dilma oder besser gegen die Partei der Arbeiter, die sie vertritt. Einer ist besonders radikal und postet oder teilt alles, was er gegen die Partei finden kann, in seinem Facebook-Profil. Allerdings sind sich fast alle einig, dass die anderen Kandidaten auch nicht besser sind. Das Motto ist: Unser Geld wird so oder so geklaut, es ändern sich nur die Namen derer, die es einstecken. Ich kann mich da nicht so recht beteiligen, weil ich tatsächlich nicht erkennen kann, wer welche Meinung vertritt und ob diese Meinung oder Absicht nun besser ist oder Brasilien mehr helfen würde. Und aus Deutschland bin ich auch schon zu lange weg, um wirklich beurteilen zu können, wie "die Deutschen" zu der Wahl stehen. Meine bisherige Ansicht ist: gar nicht. In den Tagesblättern und den Wochenjournalen findet sich praktisch nichts zu den Wahlen in dem sogenannten Schwellenland Brasilien. Meine vielen Freunde und Bekannten in Deutschland, die nicht direkt etwas mit Brasilien zu tun haben, haben auch keine Meinung. Also beobachte ich.

Ich habe den Kaspar vergessen. Der hat hier im Städtchen auch einen Namen, war schon Gemeinderat und bewirbt sich nun auf Bundesebene für ein Abgeordnetenmandat. Dabei "arbeitet" er nach meiner ganz persönlichen Meinung mit ziemlich unlauteren Mitteln. Er ist schwul. Das besagt an sich gar nichts, die sexuelle Ausrichtung ist jedem Menschen selbst überlassen. Aber er betont seine Homosexualität im Wahlkampf, rennt wie eine Schwuchtel - im Unterschied zum normalen Homosexuellen, der sich nicht wie ein Affe benimmt - herum, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Eine eigene politischem Meinung hat er natürlich nicht, obwohl er die Bildung dazu durchaus hat. Aber das Ziel ist ja nicht, an der Meinungsbildung im obersten Gesetzgebungsorgan teil zu nehmen. Das Ziel ist vielmehr, einen der bestbezahlten und am wenigsten anstrengenden Jobs in Brasilien zu bekommen.

Und so wird sich das - politische - Chaos wohl nicht so schnell auflösen.

Donnerstag, 10. Juli 2014

Und jetzt?

Immer noch Fußball. Die FIFA-Weltmeisterschaft ist ja noch nicht vorbei. Hier im Städtchen und auch sonst in Brasilien wünschen sich zwar viele, dass dem so wäre. Aber zwei Spiele sind noch zu ertragen. Dabei gibt es auch schon ein Horror-Szenario für meine brasilianischen Freunde, Bekannten und Kollegen: Argentinien gewinnt gegen Deutschland im "heiligen" Maracanã-Stadion und die Niederlande gewinnen gegen Brasilien beim Spiel um den dritten Platz. Jetzt spielt die Politik schon gar nicht mehr eine so große Rolle. Die Wut gegen die "hermanos" ist größer. Die Rivalität zwischen dem gottgleichen Pelé und dem kleinen dicken Maradonna ist stärker.

In der Presse sieht es ein bisschen anders aus. Da wird schon noch über (Sport-)Politik geschrieben. Einer, der sich dabei hervor tut - aber nicht erst seit Beginn der WM - ist der ehemalige Fußballweltmeister Romário, heute Abgeordneter im Bundesparlament. Er schimpft besonders gegen die nach seiner Meinung korrupte Verbandsführung der Confederação Brasileira de Futebol (CBF). Leider ist die Korruption, sei es mit Geld, sei es durch Gewährung von bestimmten Vorteilen, hier in Brasilien ja an der Tagesordnung und nur spärlich verdeckt. Da machen die Aussagen Romários durchaus Sinn. Und entsprechen der Meinung vieler Brasilianer. Auch wer ein wenig Einblick in die Basis hat, stimmt dem Abgeordneten zu. Ein Kollege interessiert sich für die Arbeit in den kleinen regionalen Vereinen und bemängelt, dass die Jugend keine Chance (mehr) hat. Sponsoren sind nicht aufzutreiben, weil deren Geld eher in die Taschen der Funktionäre als in die Förderung der Kinder und Jugendlichen fließt. Freiwillige Helfer gibt es kaum, weil niemand einsieht, umsonst zu arbeiten, während die "Großen" Millionen einstecken. Hier im Städtchen gab es in der Sechziger- und Siebziger-Jahren gute Fußballmannschaften, die sogar in höheren Divisionen spielten. Heute wird der gemeindeeigene Platz - mitten im Zentrum gelegen - nur noch gelegentlich für Schulturniere genutzt. Oder für die ersten Gehversuche eine American-Football-Mannschaft.

Außer Fußball gibt es kaum ein Thema. Gestern war Feiertag im Staat São Paulo. Der Beginn der "Revolution von 1932" wurde gefeiert. Am 9. Juli 1932 erhoben sich bewaffnete Truppen des Bundesstaates gegen das diktatorische Regime des Präsidenten Getúlio Vargas, der 1930 durch einen Staatsstreich die Macht in Brasilien übernommen hatte. Der Aufstand richtete sich gegen die Bundes-Verfassung von 1930, die die weitgehende Autonomie der Bundesstaaten beseitigte. Die Revolution würde am 4. Oktober 1932 endgültig niedergeschlagen und endete mit offiziell verzeichneten 934 Toten (Quelle: http://pt.wikipedia.org/wiki/Revolu%C3%A7%C3%A3o_Constitucionalista_de_1932). Getúlio Vargas blieb bis 1945 als Diktator an der Macht und wurde 1950 noch einmal demokratisch zum brasilianischen Präsidenten gewählt. Er beging 1953 Selbstmord. Aber das ist eine andere Geschichte.

Montag, 7. Juli 2014

Halbfinale

Das Halbfinale bei der FIFA-Fußball-WM ist angesagt. Deutschland gegen Brasilien - oder umgekehrt. Und natürlich werde ich als Deutscher gehänselt. Wenigstens von einigen. Brasilien wird haushoch gewinnen, sagen die vermeintlichen Fußballkennern und die unverbesserlichen Fans. Und mein Freund Marcelo? Der interessiert sich nicht für Fußball. Aber er interessiert sich für Politik. Und da ist er immer noch felsenfest davon überzeugt, dass nur ein Sieg der deutschen Mannschaft Brasilien wirklich weiter hilft. Er steht mit dieser Meinung auch nicht ganz alleine da. Selbst die Fans, wenn sie mal ihr fußballverrücktes Herz ausschalten und ihr politisches Hirn einschalten, befürchten dass ein Sieg der brasilianischen Fußballmannschaft der nicht sehr geliebten Präsidentin in die Karten spielt.

Dabei sind Bilder wie die vom Brückeneinsturz im Halbfinalspielort Belo Horizonte in der Presse allgegenwärtig. Natürlich ist es nicht Schuld von Frau Roussef, dass die Brücke eingestürzt ist. Es steht ja bisher nicht einmal fest, weshalb sie eingestürzt ist. Aber die Theorien sind doch recht bald aufgezählt: Pfusch am Bau, der übliche Diebstahl von Baumaterial, falsche Statikberechnungen. Und die wahre Schuld liegt bei den Politikern, basta. Bei welchen? Na eben bei denen, die mit der Konstruktion von Brücken etwas zu tun haben. Was wiederum auf fast jeden aktiven Politiker zutrifft. Projektplanung- und genehmigung, Finanzierung, Subventionierung sind alles politische Fragen.

Zum Glück ist diese Weltmeisterschaft bald vorbei. Sie stört doch sehr im Alltag. Ständig ist Feiertag, weil die Seleção spielt. Banken, Geschäfte, Behörden, alles dicht am Spieltag. Und am darauffolgenden Tag muss erst mal das Ergebnis diskutiert werden, und die Aufstellung, und ob die Spieler auch gut geschlafen haben, und welche Strafe denn nun der Spieler verdient hat, der einen brasilianischen Spieler gefoult hat. Das dauert dann bis zum Mittagessen. Und dann ist ja auch bald wieder Feierabend und das nächste Spiel steht schon vor der Tür.

Ab heute ist übrigens auch die offizielle Vorwahlperiode eröffnet. Das bedeutet, dass die Bundesregierung und die Landesregierungen keine Gelder mehr freigeben dürfen. Das könnte ja als Wählerbestechung angesehen werden. Es spielt dabei keine Rolle, ob die Gelder schon lange zur Verfügung standen und nur noch die Unterschrift fehlte oder ob sie erst kürzlich beantragt wurden. Es spielt auch keine Rolle, ob die Gelder für Notfälle eingesetzt werden oder für überfällige Projekte. Rien ne vas plus. Aber es geht ja sowieso nichts voran. Also kommt es jetzt darauf auch nicht mehr an. Es wird schon ein jeitinho geben. Se Deus quiser.