Mittwoch, 13. August 2014

Ruhe vor dem Sturm?

Es ist irgendwie ruhig hier im Städtchen. (Noch) keine Wahlplakate, keine dröhnende Wahlpropaganda mit Lautsprecherwagen, keine "santinhos" auf den Straßen, ruhig eben. Meine Freunde äußern sich auch kaum noch zur bevorstehenden Wahl, außer Leo natürlich. Der hat seine feste Meinung zum Partido Trabalhista und insbesondere zu deren Mitgliedern, seien sie nun in vorderster Front oder nur Mitläufer. Alles Verbrecher laut Leo. Oder Betrogene, die nicht wahr haben wollen, dass sie betrogen wurden. Er steht sicher nicht alleine mit dieser Auffassung, aber es sagt sonst keiner was in der Öffentlichkeit. Ruhig eben.

Auch sonst ist nicht viel los. Die Bundesstraße, die am Ort vorbei geht, wurde mal wieder neu asphaltiert. Das waren ein paar Tage Krach. Und beim nächsten stärkeren Regen sind die Löcher sowieso wieder da. Apropos Regen: Der fehlt wirklich. Der Winter ist ja hier immer trocken, aber so trocken und so lange ist auch nicht normal. Gerade heute soll es etwas regnen, 17 mm laut Wettervorhersage von climatempo. Wenn ich aus dem Fenster sehe, fehlen derzeit noch ca. 16,9 mm. Aber vielleicht kommt der Regen ja noch. In und um São Paulo ist es viel schlimmer, da wird teilweise bereits rationiert und besonders die wasserintensive Industrie leidet. Und das macht deren Produkte natürlich wieder teurer.

Und schon kommen wir vom Hölzchen zum Stöckchen, von den Wahlplakaten zur besorgniserregenden wirtschaftlichen Situation. Laut Voraussagen der Wirtschaftswissenschaftler wird das Bruttoinlandsprodukt (hier PIB genannt) nur sehr mäßig steigen und die Inflation auf hohem Level bleiben. Das besorgt zunächst einmal diejenigen, die sich damit auskennen. Das einfache "Wahlvolk" fängt mit diesen Aussagen eigentlich nichts an. Was ist Bruttoinlandsprodukt? Zählt das bisschen, das im eigenen Garten gezogen wird - wenn es denn regnet - dazu? Und was ist Inflation? Ach ja, die Milch ist teuer und der Reis und die Bohnen. Aber waren sie das nicht schon immer? Und wenn die Inflation hoch ist und das Bruttoinlandsprodukt gering (was war das noch mal?), dann wird es die Präsidentin schon regeln. Das salário mínimo wird ja wieder steigen und das 13. Monatsgehalt der Rentner - ja das gibt es hier - wird auch schon mal vor den Wahlen ausgezahlt. Fällig wäre es eigentlich erst danach, aber die armen Rentner müssen ja Geld haben, um zum Wahllokal zu kommen. Und die Wirtschaft ankurbeln. Zumindest die um die Ecke, da wo es den billigen cachaça gibt.

Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, Wirtschaftskrise. Reden darf man darüber, aber nicht schreiben. Und schon gar nicht auf Papier einer Bank. Denn die Bank verdient ja massig Geld in Brasilien, also kann es nicht sein, dass die Experten dieser Bank bei einem Wahlsieg der aktuellen Präsidentin für die brasilianische Wirtschaft schwarz sehen. Sofort entlassen, diese sogenannten Experten. Und natürlich darf darüber auch nicht berichtet werden, damit würde die Krise ja herbei geredet werden. Und es gibt doch gar keine Krise. Es ist alles ruhig.