Hier im Städtchen ist es ruhig, für einige sogar zu ruhig.
Das gilt vor allem für die Einzelhändler, deren Geschäft nur mäßig läuft. Dabei war doch von der Bundesregierung ein Aufschwung während der Fußballweltmeisterschaft voraus gesagt worden. Aber der tritt nicht ein. Die paar Fähnchen, die an wenigen Autos angebracht sind und die paar zusätzlichen T-Shirts der Seleção machen die Kasse nicht voll. Vor allem, weil sie meistens noch von der letzten Weltmeisterschaft in Südafrika übrig sind.
Nicht einmal die Metzger machen richtig Umsatz. Dabei ist doch das traditionelle Churrasco eigentlich fester Bestandteil jedes public viewing in trauter Runde.
Ich fahre auf meinem Heimweg durch die "Kneipenstraße". Auf etwa einem Kilometer gibt es von der Padaria angefangen bis zur letzten "Grillstation" zehn Orte, wo man ein Bier trinken kann und etwas zu essen bekommt. Nicht alle haben einen Fernseher draußen stehen, aber die meisten. Kurz vor 16.00 Uhr, als ich vorbei fuhr, war praktisch nichts los. Nur in der Melancia Chopp - Bar standen etwa zwanzig Personen rum und warteten auf den Anpfiff.
Soll ich das analysieren? Oder einfach als Fakt stehen lassen, auf den sich jeder selbst seinen Reim macht? Es ist sicher nicht richtig, ein kleines Städtchen 600 Kilometer vom nächsten Strand entfernt als Beispiel für ganz Brasilien zu nehmen. Zumindest in den Nachrichten, die allerdings nach Meinung vieler Brasilianer manipuliert sind, wird ja ein begeistertes Volk gezeigt. Und in São Paulo gab es den drittlängsten Verkehrsstau seit Beginn der Aufzeichnung, weil alle rechtzeitig vor dem Spiel nach Hause kommen wollten. Was natürlich nicht ging.
Die Copa bringt aber wohl nicht nur den versprochenen Aufschwung nicht, sondern behindert ihn sogar. Heute veröffentlichte die hiesige Bürgermeisterin, dass sie gezwungen ist, alle Schilder an öffentlichen Bauarbeiten abzunehmen. Grund: Am 5. Juli beginnt der sogenannte Wahlzeitraum. Während der Zeit bis zur Präsidentschaftswahl im Oktober ist jede öffentliche Werbung der Regierung verboten, was einzusehen ist, da sie sich ja einen unberechtigten Vorteil verschaffen könnte. Nun sind die Slogans der Bundesregierung aber auf demselben Plakat, dass das Bürgermeisteramt aufgestellt hat. Also muss alles weg. Und noch schlimmer ist, dass ab dem 5. Juli auch keine neuen Hilfsgelder aus Brasília mehr verwendet werden dürfen, nicht einmal für angefangene Projekte. Das wäre ja nicht weiter schlimm, weil sich alle darauf eingestellt haben sollten. Aber hier sind Gelder, die vor einem Jahr und länger beantragt wurden, immer noch nicht angekommen. Als Begründung wird öffentlich angegeben, dass die Verzögerungen auf den mit der Fußballweltmeisterschaft zusammen hängenden Arbeiten beruhen. Pronto, acabou. Also werden die Arbeiten an der gemeindeeigenen Sporthalle, an einem neuen Fußballplatz für Kinder in einem Ortsteil, an der Praça do Povo und andere angefangene Projekte bis Oktober liegen gelassen. Keine Projekte, keine Arbeit. Keine Arbeit, kein Geld. Kein Geld, keine Einkäufe. Und jetzt bin ich wieder am Anfang angekommen.
Von Innen nach Außen berichtet, was von außen betrachtet innen auffällt
Mittwoch, 18. Juni 2014
Donnerstag, 12. Juni 2014
Schon wieder ein Reise-Blog?
Heute beginnt die Copa do Mundo FIFA, wie die alle vier Jahre statt findende Fußballweltmeisterschaft offiziell seit 1994 heißt. Nachdem nun alle Welt wenigstens für vier Wochen auf Brasilien schaut, ist es vielleicht gerade der richtige Zeitpunkt, ein wenig von innen nach außen zu berichten. Aus der Sicht eines Deutschen ein Blick auf das Brasilien von heute. Ein sehr subjektiver Blick zugegebenermaßen. Und sicher wird dies kein neutraler Blog. Meine Freunde hier nennen mich den Alemão mais latino que existe. Mein Freund Marcelo meint, ich sei ein Brasilianer, der zufällig in Deutschland geboren sei. Dabei sind meine Wurzeln alles andere als brasilianisch, viel eher walisisch. Jedenfalls kommt da mein Nachname her.
Aber ich will ja gar nicht über mich schreiben. Das kommt dann bei den folgenden Posts sicher ganz von selbst. Ich will über das Stückchen Brasilien schreiben, das ich in den sieben Jahren, in denen ich hier lebe, kennen gelernt habe. Vielleicht auch mal die ein oder andere Anekdote einflechten, die dann nicht unbedingt hier in unserem Städtchen spielt. Aber es wird jedenfalls kein Reise-Blog. Davon gibt es genug, mit tollen Bildern der brasilianischen Fauna und Flora, von der Bevölkerung und natürlich auch mit Eindrücken der brasilianischen Folklore.
Hier im Städtchen gibt es einen interessanten Mikro-Kosmos, vielleicht nicht völlig repräsentativ für Brasilien, aber doch ein Abbild eines großen Teils. Es gibt Favelas, Núcleos de Habitação, eine Mittelschicht und eine Oberschicht. Bei Gelegenheit werfe ich auf alle einen öffentlichen Blick (das heißt, falls überhaupt jemand diesen Blog liest). Die interessantesten Geschichten gibt es aber sicher über diejenigen zu erzählen, die sich zu einer der genannten Gruppen zählen und gar nicht dazu gehören, jedenfalls von außen betrachtet.
Ich will diesen Eingangs-Post damit schließen, noch ein paar allgemeine Bemerkungen los zu werden. Ab und zu werde ich Namen verändern. Ich schreibe zwar auf Deutsch, aber heute ist es nicht mehr schwer, das in Sekunden in andere Sprachen, auch Portugiesisch, zu übersetzen. Ich möchte nicht die Privatsphäre anderer verletzen. Ich werde wohl auch nicht all zu viele Bilder posten. Auch Bilder können leicht Hinweise auf Orte und Menschen geben. Und Naturbilder aus Brasilien gibt es im Netz nun wirklich haufenweise zu finden, s.o. Wenn ich aber doch mal jemandem Unrecht getan habe, bitte ich, mich anzuschreiben oder einen Kommentar zum Post zu schreiben. Dann wird das sofort bereinigt.
So und jetzt wünsche ich allen Fußballfreunden ein schönes Eröffnungsspiel und denen, die sich nicht für Fußball interessieren, eben das, was man sonst so tun kann, zu genießen.
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